William Boyd: Eine große Zeit

19 Mrz

Auf den ersten Blick wirkt Lysander Rief, an der Ecke Augustinerstraße und Augustinerabtei  im Wien des Jahres 1913 stehend, wie ein Held. Er ist „ein auf  konventionelle Weise geradezu gutaussehender junger Mann“, glatt rasiert, gut gebaut und mit breiten Schultern, geradezu ein Dandy. Er repräsentierte eine höchst plausible Interpretation eines weltlichen, informierten und gebildeten Mannes – aber er wusste, wie schwach die Verkleidung war, wenn er auf Menschen mit echten Gehirnen gestoßen war.

Lysander Rief findet sich im Laufe von William Boyds neuem Roman „Eine grosse Zeit“ in Sex-Skandale, eine gewagte Flucht und internationale Spionage verwickelt, er überlebt einen Zeppelin–Angriff auf London, ein Attentat und einen Spähtrupp an der Westfront des Ersten Weltkrieges. Er gerät immer wieder in die Fänge einer femme fatale und schafft es einen Verräter zu entlarven, dem er den Codenamen Andromeda  gegeben hat. Dennoch ist Lysander weder Spion, noch Soldat, noch ein professioneller Abenteurer. Er ist nur ein nicht sehr guter Schauspieler, der vor kurzem noch auf der Londoner Bühne stand.

Der Grund für seinen Aufenthalt in Wien im Jahr 1913 hat nichts mit dem bevorstehenden Krieg zu tun. Er ist da, um einen Psychiater der neuen Generation und Schüler Freuds namens Bensimon zu bitten, seine chronische Anorgasmie zu heilen. Eigentlich ist Lysander ein Poet, ein Träumer, aber die Ereignisse überschlagen sich und ziehen ihn mit sich, schneller und schneller.

In Bensimons Praxis trifft er Hettie Bull, eine kleine Engländerin mit blasser Haut und braunen Augen, die Bildhauerin ist und ihn unumwunden bittet, für sie Modell zu stehen. Mit einer gewissen Zwangsläufigkeit beginnen die beiden eine leidenschaftliche Affäre. Eines Morgens wird Lysander von der Polizei verhaftet, offenbar betrogen von Hettie, und der Vergewaltigung angeschuldigt. Mit Hilfe des Diplomaten Munro, flüchtet er aus einer Villa auf dem Gelände der britischen Botschaft, um über Triest nach Hause zu entkommen.

Zurück in London, bleibt Lysander kaum Zeit zum Luft holen, als der Erste Weltkrieg ausbricht. Er meldet sich als einfacher Soldat freiwillig und wird der East Sussex Light Infantry als Übersetzer in einem Internierungslager zugeteilt. Da sucht ihn Munro, der ehemalige Militärattaché der britischen Botschaft in Wien auf, der ihm mit seinem Stellvertreter Fyfe-Miller bei seiner Flucht aus Österreich behilflich war. Die beiden erinnern ihn an seine Schulden bei der englischen Krone und verpflichten Lysander bei Beförderung zum Leutnant zu einem Geheimauftrag.  Es gibt einen Verräter im britischen Oberkommando. Verschlüsselte Botschaften an den Feind wurden in Genf abgefangen und Lysander soll sich dorthin begeben, um den Schlüssel zu finden. Um seine Legende zu untermauern, muss er aber zuerst als vermisst gemeldet werden, wozu er sich an die Front des Britischen Expeditionskorps in Frankreich begibt.

Durch die Aufzeichnungen in seinem Tagebuch „Autobiographische Untersuchungen“, das er auf Anraten von Dr. Bensimon in Wien begonnen hat, vertraut sich Lysander dem Leser auf einem zweiten Wege an: „Mein Leben verläuft jetzt auf einer völlig fremden Bahn – als säße ich in einem fahrenden Zug, ohne die Strecke oder die Endstation zu kennen.“

Hier bewegt sich William Boyd auf bekanntem Terrain. Das Thema des Aufeinandertreffens von Öffentlichkeit und Privatleben zieht sich durch sein Werk. Boyd ist ein vortrefflicher Fälscher der Wirklichkeit, was er insbesondere mit seiner „Trilogie der Fälschungen“ in „Eines Menschen Herz“, „Die neuen Bekenntnisse“ und „Nat Tate“ deutlich gemacht hat. Der ordentliche Charakter der in der Geschichte aufschlägt ist ein sich wiederholendes Thema in Boyds Werken, ebenso wie die Rolle von Wahrheit und Identität. Lysander verkleidet sich zweimal, um einer verhaftung zu entkommen, er ändert zur Tarnung seinen Namen, ebenso wie aus Hettie Bull Venora Lastry wird und seine Londoner verlobte ihm gesteht seit Jahren unter Pseudonym aufzutreten.  Sein Wiener Psychiater heilt ihn unter Hypnose mit dem Konzept der so genannten Parallelität, einer Form der alternativen Vergangenheit, um böse Erinnerungen auszulöschen.

Boyd schafft es zum wiederholten Male den Leser durch einen Nebel von Wissen und Nichtwissen, Unwahrheit und Verdacht zu führen. Seite für Seite ist „Eine große Zeit“ eine solide Erzählung, die Boyds Genie für Tempo eidrucksvoll unter Beweis stellt.

Am Ende bleiben doch einige Fragen offen. Welche Rolle spielte seine Mutter? Welches Spiel spielten die Geheimdienst-Offiziere wirklich mit ihm? Welche Rolle spielte Hettie Bull und ihr vermeintlicher gemeinsamer Sohn? Es spielt letztlich keine Rolle, denn auch das ist ein wiederkehrendes Thema bei Boyd, wie insbesondere in „Einfache Gewitter“.  Eine atmosphärische Hommage an die Agenten-Thriller der letzten hundert Jahre vor detailliertem historischen Hintergrund.

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