Anthony Horowitz: Der Fall Moriarty

30 Dez

Da das Verfassen neuer Sherlock Holmes-Geschichten zu viel seiner Zeit in Anspruch nahm, die er gerne für das Schreiben von historischen Romanen und Abhandlungen aufgebracht hätte, versuchte Sir Arthur Conan Doyle, sich von der Pflicht zu befreien, moriarty2weitere Erzählungen rund um den Detektiv zu verfassen. So forderte er vom Strand-Magazin immer höhere Summen für weitere Geschichten, aber aufgrund des großen kommerziellen Erfolges der Detektivgeschichten konnten diese hohen Honorare jedoch bezahlt werden.

Deshalb plante Conan Doyle 1893, die Reihe mit dem Tod des Detektivs abzuschließen. Bei einem Besuch des Reichenbachfalls in der Schweiz kam ihm die Idee für die letzte Kurzgeschichte, die das Leben von Holmes beenden sollte.

Mit James Moriarty erschuf Doyle Holmes’ gefährlichsten Gegner und Alter Ego, der dem Detektiv intellektuell ebenbürtig ist, seine Pd_Moriarty_by_Sidney_PagetFähigkeiten aber als genialer Verbrecher zum Schaden der Menschheit einsetzt. In der letzten Geschichte der Anthologie Die Memoiren des Sherlock Holmes, kommt es zu einem Kampf der Kontrahenten Holmes und Moriarty, bei dem sie schließlich gemeinsam in die Reichenbachfälle bei Meiringen in der Schweiz stürzen.

Die große Popularität, die Holmes inzwischen erlangt hatte, führte zu einer öffentlichen Trauer, sodass sich enttäuschte Leser in London schwarze Schleifen um den Oberarm banden oder schwarze Krawatten trugen. Doyle erhielt im Folgenden viele Briefe von Lesern der Detektivgeschichten, die sich empört über das abrupte Ende der Geschichten äußerten, über 20.000 Kunden kündigten zudem das Abonnement des Strand-Magazins.

Der große Erfolg des 1901 erschienenen Romans Der Hund von Baskerville, der zeitlich vor Die Memoiren des Sherlock Holmes spielt, verbunden mit den enormen Summen Geld, die Doyle von seinem Verleger in Aussicht gestellt bekam, veranlasste ihn dazu, Sherlock Holmes’ Tod literarisch zu revidieren. In der auf den 220px-Holmes_-_Steele_1903_-_The_Empty_House_-_The_Return_of_Sherlock_HolmesRoman folgenden Kurzgeschichte Das leere Haus lässt Doyle Holmes 1905 berichten, dass er Moriartys Griff in letzter Sekunde dank der Beherrschung einer japanischen Kampfkunst entgleiten konnte und danach die Klippen hinaufkletterte, sodass nur Moriarty den Tod in den Wasserfällen fand. Holmes verbrachte die drei Jahre im Ausland mit Expeditionsreisen und wissenschaftlichen Studien, sein Bruder Mycroft war eingeweiht und finanzierte ihn.

Mit Anthony Horowitz‘ Roman Der Fall Moriarty wird nun nach 113 Jahren auch der literarische Tod von Holmes‘ gefährlichsten und perfidesten Gegenspieler Prof. James Moriarty literarisch revidiert.

Der Fall Moriarty ist ein Holmes-Roman ohne Holmes oder Dr. Watson. Die beiden Hauptfiguren – der Erzähler, ein amerikanischer Privatdetektiv der Pinkerton Detektei namens Frederick Chase und Athelney Jones, ein Detective Inspector von Scotland Yard – treffen sich über einer Leiche, die in einem Bach am Reichenbachfall in der Schweiz gefunden wurde, kurz nach der berühmten und angeblich tödlichen Konfrontation zwischen Holmes und seinem Erzfeind Moriarty. Die Leiche trägt den Namen des Titelfigur des Romans, aber die beiden Männer haben anderes zu tun: Clarence Devereux, Boss eines US-amerikanischen Verbrecher-Syndikats, ist auf der Suche nach Moriarty, um dessen Platz im Zentrum des Londoner kriminellen Netzwerks einzunehmen.

Athelney Jones taucht als Nebenfigur und eher unbeholfener Polizist, worauf Jones mit Verweis auf Watson’s despektierliche Darstellung seiner selbst mehrmals anspielt, in Arthur Conan Doyle‘s Geschichte Die sechs Napoleons auf. Die von Holmes und Watson dargestellten Demütigungen, haben Jones geradezu angespornt, sich auf die Kunst der Deduktion, wie es Doyle nannte, zu fokussieren und ihn einen willfährigen Jünger seines Vorbildes Sherlock Holmes werden lassen. Und Frederick Chase, der Devereux aus den USA verfolgt hat, ist mehr als bereit, als sein Watson zu dienen.

London braucht einen neuen beratenden Detektiv.“

sagt Chase zu Jones, als sie über die gemeinsame Gründung einer Detektei in der Nähe der Baker Street sinnieren.

Viele Conan Doyle Fans haben fiktiv über den Zeitraum von drei Jahren nach dem Vorfall an den Reichenbachfällen spekuliert und geschrieben und diesen als Großen Hiatus bezeichnet. Anthony Horowitz ist als erster und bisher einziger Schriftsteller durch den Conan Doyle Estate berechtigt, Holmes-Geschichten zu schreiben. Als ersten Roman schrieb er Das Geheimnis des weissen Bandes, ein sehr erfolgreiches und ein solides Stück Arbeit – gut gebaut, kunstvoll ausgeführt und überzeugend mit einem verlockend Weisses Bandrußigen angehauchten Geschmack des London der 1890er Jahre. Sein zweites Werk, Der Fall Moriarty, erfüllt die gleichen Kriterien, ist aber mutiger in seinen Ambitionen. Auch dieser Roman eine blutige und düstere Vision des späten viktorianischen London, freier als Arthur Conan Doyle es tat, zeigt Horowitz die schmutzige Realität der menschlichen Natur und des Stadtlebens. Der Fall Moriarty ist ein Kriminalroman mit Fallen, Verkleidungen und einer guten, wenn nicht gerade beispiellosen Wendung in bester holmescher Manier, ob er an das Original heranreicht bleibt jedem Leser selbst zu entscheiden.

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